Peter Schmid-Meil: Bücher im Browser

Was sind die Themen und Trends, die Medienunternehmen 2018 und darüber hinaus beschäftigen werden? Wir haben dazu Experten befragt und um eine Definition und Einschätzung gebeten. #4: Peter Schmid-Meil über Bücher im Browser.

E-Books im EPUB-Format bestehen technisch gesehen hauptsächlich aus HTML-Seiten (Inhalt) und CSS (Layout). Dazu kommen wahlweise Bild-, Audio- und Videodateien und Fonts. (Die paar zusätzlichen Steuerdateien lassen wir hier einfach mal beiseite.) Das funktioniert also eigentlich alles im Browser, was noch dazu den Vorteil hätte, dass der Einsatz von JavaScript zusätzliche Funktionalitäten ermöglichen würde und man bei „Enhanced E-Books“ keine verschiedenen Versionen z. B. für Amazon und Apple bauen müsste. „Books in Browsers“ wären also doch eigentlich super, oder?

Wer sich mit dem Thema schon einmal beschäftigt hat, stellt sich spätestens jetzt zu Recht die Frage, was daran neu sein soll. Die ersten Prototypen und kleinen Geschäftsmodelle wie Pelican Books von Penguin und Atlas von O’Reilly sind mittlerweile in die Jahre gekommen. Bei Publikumsverlagen und im Handel kommt das Format faktisch nicht vor. Aber warum?

EPUB hat als Format für den Handel einen wichtigen Charmefaktor: Damit funktioniert das gute alte Modell Geld-gegen-Ware. Als Containerformat kann es wie jede andere Datei über eCommerce-Systeme gehandelt werden – mit oder ohne Kopierschutz. Bei einer Books-in-Browsers-Lösung müssten stattdessen die Zugriffe auf viele von Buch-Webseiten für zigtausende Kunden vermarktet, verkauft und verwaltet werden. In Cloud-Zeiten sicher machbar, aber für die kleinteilige Buchbranche mit wenig Hang zur Standardisierung nicht einfach.

Also Fehlanzeige, was Neuigkeiten angeht? Nicht ganz. 2017 hat sich mit der Fusion von IDPF und W3C die Entwicklung der technischen Standards für E-Books neu aufgestellt; die Arbeitsgruppen und ihre Aktivitäten kann man unter https://www.w3.org/publishing/ verfolgen. Ein Lichtstrahl am Horizont ist das Konzept der „Web Publications“ (WP), für die sich die Entwicklung eines Standards abzeichnet und die auch eine Containerversion (Packaged Web Publications – PWP) vorsieht. Aber bis zur Marktreife wird wohl noch das ein oder andere Jahr ins Land gehen.

Ansonsten entdeckt man mittlerweile „buchartige“ oder zumindest früher gedruckte Inhalte an vielerlei Stellen im Browser und oftmals jenseits der Buchbranche: Gebrauchs- und Betriebsanleitungen; umfangreiche Informationssammlungen aus Bereichen wie z. B. Recht, Versicherungen, Bildung, Arbeitsorganisation und Wissenschaft werden nicht mehr nur als PDF-Kopie der Printversion online gestellt, sondern zunehmend digital gedacht und publiziert. Auch Content-Sammlungen in geschützten Ökosystemen wie Abos werden zunehmend digitaler und entfernen sich von der klassischen Buchmetapher.

Fazit: Bücher im Browser sind im Jahr 2017 in der Praxis keinen großen Schritt vorangekommen, in der Theorie (WP-Standardisierung) schon eher. Die Frage ist, ob bzw. wann das klassische Buchkonzept hier noch wirtschaftlich sinnvoll Fuß fassen wird. Denn von Anfang an digital gedachte und geplante Inhalte brauchen den Buchbegriff nicht – zumindest hier wird die Bezeichnung „Books in Browsers“ zunehmend obsolet.

Peter Schmid-Meil ist Business Development Manager beim Softwarehersteller readbox publishing und nebenberuflich freier Berater für digitales Publizieren. Er ist seit 16 Jahren in der Verlagsbranche und war bei Unternehmen wie ecomed, Haufe, Franzis, Open Publishing und Klopotek tätig. Die Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Prozesse hinter und die Vermarktung von digitalen Verlagsprodukten. Foto: bookfaces.

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