dpr award 2021: „Das Digitale zum Fliegen bringen“

  • Der dpr award zeichnet erneut herausragende Projekte der digitalen Transformation der Verlagsbranche aus.
  • Die Preisträger sind diesmal HAPPYGANG, aiconix, Docmine/Divisto Learning, Talking Hands Flipbooks und Ralph Möllers.

Noch nie war das Feld der Einreichungen so vielfältig, noch nie waren die Lösungen so durchdacht und ausgereift wie dieses Mal. Von diesem Urteil der Award-Jury zeugt die Liste der SiegerInnen, die von einer modernen Nostalgie-Plattform über KI-gesteuerte Audio-Services, multimediale Wissensinhalte bis hin zu hybriden Daumenkinos reicht – und abgerundet wird von einem ausgezeichneten Digitalentwickler aus einem beinahe vordigitalen Zeitalter.

Die Preisverleihung fand heute (21. Oktober) im Rahmen einer großen Digitalkonferenz anlässlich der Frankfurter Buchmesse statt.

Die Sieger des dpr award 2021 im Überblick:   

Produkt/ Geschäftsmodell: Happy Gang/Wisst ihr noch?

Prozess/Technologie: Aiconix

Start-up: Docmine/Divisto Learning

Sonderpreis: talking hands Flipbooks

Digital Leader(ship): Ralph Möllers

Aufzeichnung

Profil: Der dpr award zeichnet unter der Schirmherrschaft des Bundeswirtschaftsministeriums herausragende Projekte aus, mit denen Verlage sowie verlagsähnliche Akteure (Agenturen, Selfpublisher, etc) die digitale Transformation meistern. Im Fokus stehen Innovationen im Bereich des digitalen Publizierens: herausragende Produkte, Prozesse oder Geschäftsmodelle, mit denen Verlage, aber auch verlagsähnliche Akteure ihre Inhalte publizieren. Verliehen wird der Award von Daniel Lenz und Steffen Meier, den Herausgebern des DIGITAL PUBLISHING REPORT. 

Sponsoren: Unterstützt wird der dpr award 2021 von Ebcont, Pondus, Xpublisher, Bilandia und der Frankfurter Buchmesse. 

Bewerbungen: Für den diesjährigen Preis hatten sich fast 50 Firmen und einzelne Personen beworben. 13 Projekte wurden für eine Shortlist (https://magazin.digital-publishing-report.de/de/dpr-award/shortlist-2021) ausgewählt, aus der die SiegerInnen gekürt wurden.

Jury: 

In der Jury des dpa für 2021 saßen die DigitalexpertInnen:

  • Fabian Kern (digital publishing competence)
  • Christian Kohl (Kohl Konsulting)
  • Frank Krings (Frankfurter Buchmesse)
  • Marco Olavarria (Berlin Consulting)
  • Tobias Ott (Pagina, Sieger in der Kategorie „Digital Leader(ship)“ 2020)
  • Michaela Philipzen (Siegerin in der Kategorie „Digital Leader(ship)“ 2019)
  • Alexander Pinker (Alexander Pinker Innovation-Profiling)
  • Barbara Thiele (Jüdisches Museum Berlin)

Fotos zum Preis können hier heruntergeladen werden: https://digital-publishing-award.de/presse/

Kontakt für Rückfragen: Daniel Lenz, lenz@digital-publishing-report.de

 

Nachfolgend die Begründungen der Jury zu den Siegern.

Die Begründungen der Jury

PRODUKT/GESCHÄFTSMODELL

Happy Gang: Wisst ihr noch?

Die Multimedia-Entertainment-Marke „Wisst ihr noch?“ soll über Plattformen wie Facebook, Instagram und TikTok schöne Kindheitserinnerungen der 80er, 90er und 2000er zurückholen. Die Jury lobt den Versuch, mit einem „reinrassigen Agenturmodell“ nostalgische Inhalte für die aktuellen sozialen Kanäle „handwerklich hervorragend“ neu zu übersetzen und dabei einen starken Fokus auf die Kommunikation mit den Nutzern zu legen. Das Unternehmen Happy Gang habe klassischem Content so neue Horizonte erschlossen.

PROZESS/TECHNOLOGIE

Aiconix

Aiconix ist ein KI-Technologie-Enabler und Lösungsanbieter für die Analyse und Verarbeitung von audio-visuellen Inhalten. Der Pool an Anwendungen biete überzeugende Lösungen auf verschiedenen Problemfeldern rund um die Auswertung von Sprach-Content, darunter die automatische Live-Untertitelung von Videos und Herstellung von Barrierefreiheit, so die Jury. Aiconix erschließe sich damit ein „hervorragendes Wachstumspotenzial“ und sei für Medienunternehmen besonders unter Datenschutzgesichtspunkten eine gute Alternative zu den großen US-amerikanischen Technologiekonzernen.

STARTUP

Docmine: Divisto Learning

Divisto Learning ist eine Software, mit der Bildungsinstitutionen Wissensinhalte digital, audiovisuell und interaktiv aufbereiten können; außerdem soll eine zentrale Plattform aufgebaut werden, über die die Inhalte abgerufen werden können. Die Jury lobt die ansprechenden Storytelling-Formate des Unternehmens, das ihre eigene Publishing-Plattform inzwischen standardisiert habe, um sie anderen Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Bildungsinstitutionen könnten mit ihren Inhalten auf diesem Weg einen breiten Massenmarkt ansteuern. 

SONDERPREIS

talking hands Flipbooks

talking hands will die Kommunikation zwischen Kindern mit und ohne Behinderung vereinfachen. Daumenkinos enthalten den Grundwortschatz von Kleinkindern und sollen Kindern den Einstieg in die Gebärdensprache ermöglichen. Im Herbst soll eine talking hands App das Angebot ergänzen. Die Jury lobt die Initiative für ihr leidenschaftliches Bekenntnis zu gedruckten Verlagsprodukten sowie die geplante und zum Produkt passende digitale Erweiterung. Die Initiative sei gerade hinsichtlich Barrierefreiheit wegweisend. Die Vision von talking heads sei ambitiioniert, aber realistisch: Die App solle „das DuoLingo oder Babbel für Gebärdensprache“ werden.

DIGITAL LEADER

Ralph Möllers

Siehe nachfolgend die Laudatio von Harald Henzler

„Du bringst das Digitale zum Fliegen“

Laudatio von Harald Henzler zur Verleihung des dpr award für den „digital leader“ an Ralph Möllers. 

„Lieber Ralph, herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung zum „digital leader“! Die Nobelpreise sind vergeben, jetzt kommt der größte Preis und pünktlich zur Messe: Du hast ihn, den Preis für den digital leader 2021 und ich darf eine Laudatio halten. Ich freue mich schon, das ist die erste Laudatio meines Lebens. Das ist das erste Mal, dass Du den dpr award bekommst und – Du hast ihn verdient. Du hast ihn natürlich deshalb verdient, weil Du im Grunde das alles schon gemacht hast, bevor es diesen Preis gab, bevor es diesen Namen gab – und bevor alle wussten, was ein digital leader ist. 

Wenn man jetzt Studenten die Aufgabe gäbe, eine wissenschaftliche Arbeit darüber zu schreiben, was ein digital leader ist, dann müssten sie natürlich recherchieren: Wann hat wer darüber erstmals geschrieben und gesprochen? Dann stößt man vielleicht auf Literatur, die kaum älter ist als 10 oder 15 Jahre. Aber Du hast schon vorher angefangen. Du warst schon ein digital leader, bevor man „digital“ und „analog“ auseinanderhielt, bevor es die digital natives gab. Du hast mit CD-Roms, DVDs, Datenbanken und natürlich mit Apps und neuen tollen Produkten immer schon innovativ gedacht. Du warst immer schon offen, vor allem neugierig, und hattest schon immer Spaß am Neuen.

Du musstest nie ein soziales Netzwerk aufbauen, um Follower zu finden, Dich zu finden in Deiner Filterblase. Durch deine Offenheit und Deine Zusammenspiele hast Du jeden eingeladen, mit Dir zusammen etwas zu tun. Egal welche Sprache, egal welche Hautfarbe, egal welches Geschlecht! Und wenn wir jetzt alle hier so versammeln könnten, die mit Dir zusammen etwas entwickelt haben, dann hätten wir eine sehr, sehr schöne bunte Mischung an Menschen, eine Schnittmenge verschiedenster Filterblasen. Du verbindest durch Dein Interesse, durch Deine Neugierde, durch Deine Lust am Neuen – und ohne Regeln und Vorgaben.

Ich habe letzte Woche etwas von einem Neurowissenschaftler, Professor Korte, gelesen, und der sagte: Im Gehirn ist es so, dass der gleiche Cocktail an Hormonen ausgeschüttet wird, wenn man Lust auf Neugier verspürt, man gut isst oder guten Sex hat. Und gut, ich werde jetzt nicht über guten Sex sprechen, dazu bin ich nicht berufen und das wäre jetzt wahrscheinlich auch für diesen Award nicht so passend – zumal zoom so Einiges rausschneiden würde –, aber wer Dich kennt und schon einmal einen Tag mit Dir verbracht hat, der weiß, dass gute neue Gedanken und gutes Essen zusammengehören. 

Es kommt immer der Moment, in dem man mit Dir lange über etwas nachgedacht, diskutiert, etwas entwickelt hat – um dann glücklich und erschöpft das Neue vor sich zu haben. Und dann weißt Du aber auch, dass jetzt dieses philosophisch-theologische Leib-Seele-Problem irgendwann gelöst sein muss. Und Du löst es, indem Du sagst: Da gibt es die beste Currywurst in München! Lass uns hier noch einen Whisky trinken! Da gibt es etwas Gutes zu essen! Und Deine Freude und Lust an beidem, die ist auch ansteckend schön. Also molekularbiologisches Essen in Miesbach ist genauso gut wie eben die Currywurst am Bahnhof. Auch damit verbindest Du und bringst die Leute zusammen, und jeder weiß, dass das zusammengehört: das Analoge und das Digitale. 

Deswegen ist es auch so schade, dass wir uns nicht sehen! Obwohl es hier der „digital“ leader ist, den man auch digital begrüßt und lobt, ist es traurig, dass man sich nicht sehen kann, denn das wäre jetzt so schön: Dich zu sehen, wie Du ganz unruhig wirst, weil der Harald schon mindestens zwei Minuten redet, und eigentlich hätten wir schon längst irgendetwas zusammen machen müssen, statt jetzt hier lange rumzureden. Das ist auch das, was Dich auszeichnet: dass Du nicht lange über etwas redest, sondern dass Du es einfach machst. Erst durch das Handeln wird man merken, was wichtig ist und was nicht, und das Ganze ohne Angst vor Fehlern und ohne das übliche Schi Schi rund um agiles Projektmanagement, Prototypen und lean-start-ups.

Schade, dass Du nicht Beamter oder irgendein Verwaltungsmensch geworden bist, denn dann gäbe es ein Problem nicht, das kürzlich bei der Bundestagswahl diskutiert wurde: dass Deutsch-land digitaler werden muss. Wenn Du vor einigen Jahren Beamter geworden wärst, dann hätten die sich nicht mit irgendwelchen Masken schützen können, vor deiner ansteckenden Art, etwas digital zu machen. Bei allen Virenvergleichen, die jetzt nicht so opportun sind: Du hättest sie angesteckt, und zwar nicht mit Gähnen – das ist ja auch so ansteckend –, im Gegenteil, Du hättest das genau andersherum gemacht. Du hättest gesagt: Das machen wir jetzt! Und dann hätten alle anderen auch Lust bekommen. Und dann wäre Deutschland digital schon längst weiter. Deshalb das als Anregung: Hilf doch bitte, Deutschland digital voran zu bringen, vielleicht bist Du doch ab und an mal in Berlin, um alle anzustecken. Das wäre mein Wunsch an Dich.

Ich habe  eben gesagt, dass dies meine erste Laudatio ist, und deswegen habe ich einschlägige Literatur gewälzt und geschaut, was man da jetzt sagen oder machen soll. Und da tauchte der Tipp auf, gegen Abschluss eine persönliche Anekdote mit reinzuwerfen, damit es authentisch wird. Authentisch ist ja wichtig heutzutage, und das „Würzen durch was Persönliches“. Sonst könnte ich ja ein Softwareprogramm sein.

Die Anekdote, die ich mitgebe, ist wirklich passiert. Also ich bürge dafür. Ich hatte ein Tablet vor mir auf dem Schoß, und ich saß neben Ralph und Ralph hat dieses Tablet zum Schweben gebracht, zum Fliegen. Also dieses Tablet flog vor meinen Augen hoch. Er hätte es auch mit dem Smartphone machen können, was viel leichter gewesen wäre. Nein, er hat‘s mit dem Tablet gemacht. Ich habe gemerkt: Das Digitale schwebt und fliegt. Ganz leicht. Und das hat mir Ralph gezeigt – man erkennt hier auch sofort die theologische Schulung bei Ralph. Er ist einfach ein „Evangelist“, wie das bei Apple heißen würde.

Es gab dann hinterher eine naturwissenschaftliche Erklärung von der Flugaufsichtsbehörde in Düsseldorf unten am Flughafen, und den vielen Feuerwehrleuten, die da mit Blaulicht standen. Ralph ist ein begnadeter Pilot und ich saß neben ihm im Flugzeug, das muss man an der Stelle dazusagen. Die Flug-Experten am Boden haben das, was sie am Himmel gesehen hatten, so erklärt: Wir seien mit unserem Flugzeug hinter ein anderes geraten, dann habe es Luftspiralen – was weiß ich – gegeben, bevor wir 500 Meter im Sturzflug auf den Flughafen zugesteuert seien. Das alles sei eine seltene Erscheinung gewesen. Aber ich weiß: Das war keine Erscheinung, das war Ralph. Der hat das sowieso alles im Blick und im Griff gehabt, denn er hat den Flieger gleich wieder in die Horizontale hingebracht, nach 500 Metern Sturzflug – nachdem er mir gezeigt hatte, wie dieses Tablet fliegt. Wie das Digitale fliegt. So dass wir gut gelandet sind. 

Und mit dem Bild möchte ich jetzt auch diese lange Laudatio beenden, lieber Ralph. Du bringst das Digitale zum Fliegen, zum Schweben, zum freudig-Mitmachen. Und alles andere als ein rosti-ger Ritter bist du natürlich sowieso. Du bist der tapfere Ritter der Digitalisierung. Und in dem Sinne, ich werde jetzt nicht singen, denn das kann ich nicht: Herzlichen Glückwunsch. Bis dann!“

Über Ralph Möllers

Geboren 1956 in Münster/Westfalen. Studium der Germanistik und Theologie. 1986 Lektor im Computerbuchverlag Markt & Technik in München. 1988 die Gründung des Systhema Verlages gemeinsam mit Iris Bellinghausen. Systhema wird einer der ersten Multimedia-Verlage in Deutschland. 1996 erwirbt die Holtzbrinck Gruppe den Verlag. Möllers verlässt das Unternehmen und übernimmt die Geschäftsführung des Multimedia Publishers Navigo, der 1997 ebenfalls an die Holtzbrinck Gruppe geht. 1997 Gründung des dritten Verlages Terzio. Terzio publiziert innovative Kindermedien wie die Löwenzahn CD-ROM, die Schachlernreihe Fritz & Fertig und die Kindermusicals um „Ritter Rost”. 2012 übernimmt Carlsen den Imprint Terzio und die Rechte an den Kinderbüchern des Verlages. Gemeinsam mit dem technischen Partner WITS Interactive, Mumbai, entwickelt Möllers das Online-Marketingtool Book2look und gründet die Book2look International GmbH. Weltweit vertreibt Nielsen BookData und in den USA und Kanada Bowker die Lösung. Ab 2017 entwickelt Book2look mit lectory.io eine internationale Plattform für Social Reading vor allem im edukativen Bereich.

Mit Harald Henzler hat Möllers unter anderem an Flipintu gearbeitet, einer personalisierten Plattform für Lese-Inhalte.