Print zahlt die Rechnung, Digital gewinnt trotzdem – Zahlen zum aktuellen Zeitschriften- und Zeitungsmarkt

Wussten Sie, dass es einen „Welttag der Zeitschriften“ gibt? Dieser fand tatsächlich am 26. November statt – Anlass für das Statistische Bundesamt (Destatis), einige interessante Zahlen zum deutschen Zeitschriftenmarkt zu veröffentlichen: „Im Jahr 2017 waren in Deutschland rund 2.260 Zeitschriftenverlage aktiv … wuchs die Zahl der Zeitschriftenverlage seit dem Jahr 2008 um etwa 400 Unternehmen oder 23 % Prozent. In der Branche waren 2017 insgesamt über 49.000 Personen tätig und damit knapp 10 % mehr als im Vergleichsjahr 2008.“ Den Schwanengesang der Medien im Ohr muss man überrascht konstatieren: Die Anzahl der Zeitschriftenverlage wuchs in 10 Jahren um fast ein Viertel. Wo viel Wachstum – da viel Ertrag? „Der Umsatz entwickelte sich dagegen rückläufig: 2017 setzten die Zeitschriftenverlage rund 7,7 Milliarden Euro um, das waren 3,5 % weniger als 2008.“ So das Statistische Bundesamt. Vielleicht haben wir es also doch nicht mit einem Wachstumsmarkt, sondern eher mit einer Granulierung und Spezialisierung zu tun? Immerhin gilt der gute alte Spruch „Es gibt für alles eine App – und eine Fachzeitschrift“ heute mehr denn je.

Aktuell hat auch die World Association of News Publishers (WAN-IFRA) ihren Report „World Press Trends 2019“ veröffentlicht, so haben Nachrichtenmedien weltweit im Vergleich zum Vorjahr 3 % weniger erwirtschaftet (Print & Digital), während die Bezahlwilligkeit für Inhalte sehr verhalten angestiegen ist – um 0,5 % im Vorjahresvergleich. Viele Zeitungs- und Zeitschriftenverlage versuchen dem Umsatzminus mit digitalen Abonnementmodellen zu begegnen: „Die Zahl der Abonnenten digitaler Nachrichten weltweit ist in den letzten fünf Jahren bis 2018 um 208% gestiegen und wird 2019 voraussichtlich um weitere 13 % steigen. Fast 54 % des Gesamtumsatzes der Zeitungen stammen aus Vertriebsverkäufen, ein Plus von 1% im Vergleich zum Vorjahr“.

Aber wie sieht es mit dem guten alten Papier aus? „Print bezahlt immer noch die Rechnungen: Trotz des großen Teils des Fokus auf die digitale Transformation schätzen wir, dass die Druckumsätze immer noch etwa 86 % des Umsatzes der Nachrichtenverlage ausmachen. Im Jahr 2018 ging die Printauflage weltweit nur um 1 % zurück. Natürlich ist dieses Bild von Region zu Region und von Land zu Land unterschiedlich. Die Printwerbung setzt ihren starken Rückgang jedoch größtenteils fort (-7 % YoY)“, so der Report „World Press Trends 2019“.

Nun lassen sich globale und auch nationale Zahlen schwer mit dem eigenen Geschäft vergleichen, zu unterschiedlich sind Angebotspalette und Zielgruppe. Aber einige Trends sind ablesbar: Das Informations- und Unterhaltungsbedürfnis der Leser und Leserinnen wird immer spezifischer, Print funktioniert mit sinkender Tendenz immer noch, das neue (Abonnement)Modell vieler Medienunternehmen wird aber eher zögerlich angenommen. Was uns hier schon seit einigen Jahren begleitet wird uns also wohl auch die nächsten Jahre begleiten: gleichzeitiges Bedienen eines alten Geschäftsmodells und Navigieren mit neuen, meist digitalen Modellen. Nicht schön – aber dies zu ignorieren könnte fatal ausgehen.

Nicht unbedingt fatal, aber doch auch ein zunehmender Trend: die Aufgabe des gedruckten Produkts zugunsten einer Digital-Ausgabe. Zu sehen derzeit an vielen Beispielen aus dem angloamerikanischen Raum – aber auch hierzulande. Beispielsweise im zwar kleinen, aber doch eigentlich mit eherner Fangemeinde ausgestatteten Bereich der Musikzeitschriften. Zuerst „Spex“, dann „Groove“ – jetzt „Juice“, das Haus- und Hofblatt des deutschen Hip-Hops, erstmals erschienen vor immerhin 22 Jahren. Interessant (und symptomatisch) liest sich die Begründung der Redaktion zu diesem Schritt: „Das Gefühl, nach kräftezehrenden Abgabewochen ein physisches Produkt in der Hand zu halten, ist für jeden aus unserem Team, seien es unsere Redaktionsmitglieder oder die Vielzahl unserer freien Autoren, jedes Mal aufs Neue unvergleichlich. Doch man darf und kann die harten Fakten nicht ignorieren: Über die letzten Jahre haben sich Anzeigenkunden kontinuierlich aus dem Printgeschäft verabschiedet und unsere Auflage ging stetig zurück. Ökonomisch gesehen gleicht eine weitgehend unabhängige Produktion eines Printprodukts angesichts der aktuellen Marktlage auf lange Sicht einem langsamen, aber sicheren Selbstmord.“

Und weiter: „Musikjournalismus sucht auch 2019 nach Lösungen der Monetarisierung. In einer Zeit, in der auf Knopfdruck praktisch alles digital und kostenfrei verfügbar ist, finden sich nur schwer Kaufargumente für auf Papier gedruckte Worte. Immer wieder konnten wir im Lauf der 22 Jahre dieser Entwicklung durch Verbesserungen und Optimierungen entgegenwirken, um JUICE für euch weiter spannend zu gestalten. Doch am Ende müssen wir konstatieren: Alles Tropfen auf den heißen Stein, denn das Format Print ist tot.“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Die Zusammenarbeit zwischen Medienunternehmen und Start-ups muss professionalisiert und politisch unterstützt werden werden!

Eine der deutschen Leitindustrien ist mit Sicherheit die Automobilbranche, aufgrund ihres Wirtschaftsvolumens sakrosankt bis zur Systemrelevanz. In den letzten Jahren lag der Inlandsumsatz relativ konstant bei etwa 150 Milliarden Euro Umsatz. Da erbleicht manch Medienschaffende(r) und verneigt sich in Demut – oder? PricewaterhouseCoopers hat wieder einmal seine Studie „German Entertainment & Media Outlook 2019-2023“ vorgelegt und kommt zu dem Ergebnis, dass der deutsche Medien- und Unterhaltungsmarkt im Jahr 2018 knapp 53 Mrd. Euro umgesetzt hat. Und für die kommenden Jahre prognostiziert die Studie weiteres Wachstum – mit Ausnahme der Zeitungs-, Publikumszeitschriften- und werbefinanzierten TV-Branchen. Das relativiert dann doch einiges an Ehrfurcht und verwundert ob der alltäglichen Menetekelei vieler in der Branche. Natürlich stehen nach wie vor enorme Hausaufgaben und Herausforderungen im Zuge der Digitalisierung an und natürlich gibt es keine Gleichzeitigkeit der Entwicklung. Will heißen: Die Zukunftschancen der „Kulturgut Buch“-Gemeinde sind mit Sicherheit anders einzuschätzen als diejenigen vieler Fachinformationsanbieter. Oder, anders formuliert: Die Antwort auf das Gebrumme, es werde nicht mehr gelesen, muss schlicht heißen: „Es wird mehr gelesen als je zuvor.“ Nur eben anders.

Woher soll aber die Kraft (und auch die finanziellen Mittel) zur Bewältigung der vielfältigen Herausforderungen kommen? Wer auf Verbände und Standesinstitutionen hofft, bekommt, was er oder sie verdient – ein launiges „Vorsicht, Buch!“ oder „Print wirkt!” Und wer auf die Politik setzt, konnte sich etwa auf den kürzlich stattgefundenen Medientagen in München wieder einmal nur verwundert zurücklehnen. Da sei es einem bayrischen Ministerpräsidenten verziehen, wenn er den deutschen Medien riet: „Wenn eine Welle da ist, muss man sie reiten und nicht warten, bis andere es tun.” Gut, Erfahrung darin hat der Münchner (Meinungs)Wellenreiter ja durchaus. Ansonsten gab es viel ministeriale Nebelbomben und Schlagworte wie das einer „starken gemeinsamen Plattform“ europäischer Medienanbieter oder einer „Medien- und Kulturplattform“ auf der einen Seite. Und natürlich kam wieder der Ruf nach „Regulierung von Plattformen“, ein Ruf, der eher (folgenlos natürlich) über den Teich ging. Und wenn dann noch der „Philosoph, Autor und Staatsminister a. D.“ Julian Nida-Rümelin fordert: „Wir brauchen ein öffentlich-rechtliches Google!”, dürfte dem oder der Letzte(n) klar sein: Warten auf veränderte politische Rahmenbedingungen hilft den Medienunternehmen in ihrem täglichen Geschäft nicht weiter.

„Es sind auch diesmal wieder die digitalen Angebote, die Bewegung in den Markt bringen und für Zuwächse sorgen.“ Das bringt die oben erwähnte Studie von PricewaterhouseCoopers klar auf den Punkt. Gerade hier ist das Thema „Innovation“ seitens der Produkte und Services enorm wichtig und eine tiefgehende Vernetzung der Innovationsträger wie Start-ups auf der einen und der Verlage auf der anderen Seite entscheidend. Fakt ist aber, dass die Förderlandschaft hierzulande enorm zersplittert und von Bundesland zu Bundesland äußerst unterschiedlich in Form und Inhalt ist. Ein schwer durchschaubares, unlogisches Dickicht. Auf Bundesebene selbst wird es dünn – mit etwas Zynismus könnte man hier noch die DNI-Initiative als wichtigstes Förderinstrument bezeichnen. Zynismus deswegen, weil sich hinter dem Digital News Innovation Fund kein anderer als Google verbirgt.

Statt Lippenbekenntnissen, Wellenreiterei oder der Regulierungsforderung einzelner Plattformen bräuchte es klare und umfangreiche bundesweite Fördermöglichkeiten für die Kooperation von Start-ups und Medienunternehmen. Dann wäre der gar nicht so kleinen Medienbranche in Sachen Zukunftssicherung schon entscheidend geholfen.

Steffen Meier

Gründer und Herausgeber digital publishing report

(Aus dem Vorwort des digital publishing report Ausgabe 21/2019)

dpr-Podcast #6: Das unverwüstliche E-Mailmarketing

Die E-Mail ist die alte Oma unter den Kommunikationskanälen – nach Internetmaßstäben uralt. Doch wenn es nach der Nutzung geht, ist sie offenbar noch taufrisch: Das E-Mailaufkommen in Deutschland – ohne Spam – ist von 2016 auf 2017 um 17% gestiegen. Warum das? Die 6. Folge des dpr-Podcasts widmet sich diesem Phänomen.
Im Gespräch mit Nico Zorn, Mitgründer und Partner bei saphiron digital strategy consultants, geht es um diese Themenaspekte:

Warum behauptet sich E-Mailmarketing?

Ist auch die Generation Y empfänglich für Mails?

Was ändert sich durch die Einschränkungen bei WhatsApp im Messenger Marketing?

Welche Trends gibt es beim E-Mailmarketing?

Was hat Künstliche Intelligenz mit E-Mailmarketing zu tun?

Werden Marketing-E-Mails bei ihrer Länge schrumpfen?

Welchen Stellenwert haben dynamische Inhalte?

Wachsen E-Mailmarketing- und CRM-Systeme zusammen?

Was sind die größten Fehler im E-Mailmarketing?

Wie hat sich das E-Mailmarketing durch die DSGVO verändert?

Wie bauen Firmen am besten Adresspools auf oder aus?

Nico Zorn
Nico Zorn
Produziert wurde der dpr-Podcast von bilandia, der auf Online-Marketing spezialisierten Agentur aus München.

dpr-Podcast #6: Das unverwüstliche E-Mailmarketing

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„Zukunft der Mediennutzung 2019“ – „Basics“ für 99 Euro

Mit großem Optimismus hat der Börsenverein gerade die düstere Ära des millionenfachen Bücherkäuferschwunds (s. „Quo-Vadis“-Buchkäuferstudie) ausgeläutet und einen „Wendepunkt in der Buchbranche“ ausgemacht. Die Begründung: Die Zahl der Buchkäufer in Deutschland sei 2018 erstmals seit 2012 wieder gestiegen. Die größten Zuwächse ergäben sich in den jüngeren Altersgruppen, in denen in den vergangenen Jahren am meisten Käufer verloren gegangen waren.

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„BPMN ist die ideale Grundlage für agile Entwicklung“

Standardisierte Prozesse, Vernetzung der einzelnen Verlagssysteme, die Anbindung von Autoren, eine Übersicht der aktuellen Produktionsstände – das ist sowohl Anforderung als auch Wunsch in vielen Medienunternehmen. Business Process Model and Notation (BPMN, deutsch Geschäftsprozessmodell und -notation) ist eine moderne, intuitive Methode, um Geschäftsprozesse und Arbeitsabläufe modellieren und dokumentieren zu können. Wir haben Mario Kandler, Inhaber des ECMS Systemherstellers SiteFusion und ausgewiesener BPMN-Spezialist, zum Thema befragt.

Wie würden Sie den Industriestandard BPMN in einem Satz beschreiben?
Der BPMN Standard bietet zum ersten Mal in der Softwareentwicklung die Möglichkeit eine gemeinsame “Sprache” und somit ein Verständnis zwischen Entwickler, Produktmanagern, Anwendern und der Unternehmensleitung bereitzustellen.

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dpr-Podcast #5: Podcast-Boom ohne Verlage?

Podcasts boomen weiterhin in Deutschland, Presseverlage bauen ihr Portfolio aus – doch die Buchverlage halten sich bis auf wenige Ausnahmen (zB der Argon Hörbuchverlag) zurück – obwohl sie doch genügend Inhalte für Podcasts hätten. Warum ist das so? Welche Chancen gäbe es?
Über diese Fragen haben wir am 25. Januar in Berlin auf der Konferenz futurepublish vor Publikum diskutiert. Mit dabei waren neben den dpr-Herausgebern Steffen Meier und Daniel Lenz der Co-Gründer des Podcast-Labels Viertausendhertz, Nicolas Semak, sowie Albrecht Mangler von der Münchner Buchmarketing-Agentur Bilandia.
Produziert wurde der dpr-Podcast von bilandia, der auf Online-Marketing spezialisierten Agentur aus München.

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